11.05.2012
Dem Chefredakteur geht ein Licht auf
<<<< Zeit der Gräfin. 35. neue Folge. Wenn er in Politikerstatements, fachlichen Berichten oder Untersuchungen auf den im tiefsten Brustton der Überzeugung vorgetragenen Jubelsatz stieß, daß es nun mit der gesamten Weltwirtschaft, die europäische selbstredend eingeschlossen, schnurstracks weiter bergauf gehe, faßte er sich an den Kopf: War er denn irre? Man tat ja fast so, als würden sich alle politischen und privaten Verschuldungen mit der Zeit von selbst in blauen Dunst auflösen. Das Geld. Was aber ist Geld, grübelte der Chefredakteur weiter, wenn es heute so und morgen so erscheint? Wie und wo fasse ich dieses Trugbild, das sich fester Ordnung und Logik nicht fügen will und doch dem Gewandten und Hellhörigen, dem Leichtfüßigen und Voraussetzungslosen, der seine Unbeständigkeit begriffen hat, so willig dient? Eines Nachts, als er, auf höchste abgespannt, sich noch immer nicht entschließen konnte, die stille Klause seines Büros zu verlassen, bot sich ihm eine Lösung dieser Frage an, die er zunächst verwarf, die ihm aber dann in ihrer klaren Einfachheit in steigendem Maße einleuchtete. Er hatte sich für sein Chefredakteursbüro die Reproduktion (der Feuilletonist spricht von einer Fälschung) eines Bildes von Jean-Francois de Colza angeschafft. Dieser de Colza begleitete ihn wie ein geheimer Gefährte durch die Jahre, und zwar jenes merkwürdige, beinahe unheimliche Bild von den zwei Männern, die bei währender Waldnacht in die Betrachtung des aufgehenden Mondes versunken sind. Zu diesem Bild blickte er oft empor, wenn er allein in seinem Büro saß; es paßte so gar nicht in ein Redaktionsbüro mitten im Geschäftszentrum und in die Zeit schon mal gar nicht, und manche seiner Besucher, soweit sie es überhaupt bemerkten, nahmen es verwundert oder belustigt zur Kenntnis. Erst viel später, nachdem er längst in unvorstellbar veränderte Verhältnisse eingetreten war, glaubte er zu verstehen, weshalb er gerade dieses Bild an seinem Arbeitsplatz heimisch gemacht hatte. >>>>