16.01.2012
Der Volontär spitzt die Ohren
<<<< Zeit der Gräfin. 23. neue Folge. Die Gräfin – die Gräfin rief über den Flur. Nur für einen sehr kurzen Moment zuckte der Chefredakteur, dann fiel er wieder in sich zusammen und gedachte der Worte des Feuilletonisten: « Die politische Lage beunruhigt mich tief. Muß man am Ende seines Lebens noch emigrieren? Die Deutschen haben nichts gelernt, und der DDR-Antifaschismus war eine Lüge wie alles dort, eine Art Promille-Fahrverbot, eine Tünche, die nun wie Nagellack abplatzt. Kein Tag, an dem nicht Neonazi-Überfälle ... gemeldet werden. Die Politiker sind dumm und schwafelig, die Polizei sieht nur auf dem linken Auge (wie in Weimar!!!), und der riesige Machtapparat des Staates (den man doch gegen die RAF wohl einzusetzen wußte) 'hält sich bedeckt'... Eine winzige Szene ist so schlimm wie eine aus Brechts 'Furcht und Elend des Dritten Reiches', für mein Gefühl schlimmer als ein paar eingeschlagene Schaufensterscheiben: Eine alte Frau wird in der Innenstadt in einer Telefonzelle von drei Skinheads bedroht, mit dem Messer; sie käme da nur heil raus, wenn sie den Hitlergruß mache. Was die Frau, da sie kein Messer in den Bauch wollte, tat. Sie wird nächtelang nicht schlafen können, ein Alp, der mir an den Hoden weh tut. » So rutschte er noch tiefer in seinen Sessel. Der Literaturredakteurin hingegen schallte der Ruf der Gräfin in den Ohren, sie wollte schon sich zu ihr umdrehen, ging dann aber doch ihres Weges und murmelte, durchaus vernehmbar: « Jeder macht hier, was er am besten kann. » Daraufhin horchte der Volontär auf und vertraute einmal mehr seinen ungereinigten Gehörgängen. >>>>