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21.07.2008

Vilém Flusser 4

Im September 1986, im Rahmen des von >>>>Harry Pross geleiteten zweiten Internationalen Kornhaus-Seminars, kam es zu einem Gespraech zwischen >>>>Vilém Flusser, >>>>Abraham Moles, >>>>Gabriele Riedle (die frueher, so hiess es, Feuer schluckte und als Revuegirl womoeglich begeisterte), >>>>Helmut Hoege und mir. Das Gespraech fand statt im Fruehstueckraum des Gasthofes Zum Kreuz in Bremenried nahe >>>>Weiler im Allgaeu. Am Uher-Rekorder, der eine Leihgabe des >>>>RIAS war, sass Helmut Hoege. Eine Abschrift der Tonbandaufnahme wurde « Die Einfuehrung des Menues in die Philosophie » betitelt, unter das Motto Der Trend geht zum Non-Book gestellt und von Riedle und Hoege der >>>>taz angeboten, die den Text wohl nicht wollte. In einer ueberarbeiteten Fassung sollte der Text anderen Zeitungen zur Verfuegung gestellt werden, man sprach von der >>>>Zeit und der >>>>Frankfurter Rundschau. Auch dort konnte man den Inhalt des Gespraechs nicht nachlesen. Wahrscheinlich ist der Text nie erschienen, weder gedruckt noch gesendet.

 

Anlass besagten Gespraechs war die bevorstehende Herausgabe von Flussers « Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft » in Buchform und in einer elektronischen Version. Vilém Flusser begann das Gespraech wie folgt:

 

« Also hoeren Sie, dieses >>>>Buch von mir, ueber das ich Ihnen erzaehlen will, ist eine Folge der Buecher, die ich auf deutsch und portugiesisch vorher geschrieben habe und resultiert aus meinem Interesse, das ich seit fuenf Jahren ungefaehr habe, fuer die Dialektik zwischen Text und Bild. Und da habe ich mich dann schliesslich entschlossen, mit Hangen und Bangen, ein Buch zu schreiben ueber die Frage, ob es ueberhaupt noch einen Sinn hat, alphanumerisch zu notieren. Dieses Buch ist nun fertig gesetzt und hat zirka 100 Seiten. Jetzt sagt Volker, mein deutscher Verleger, und sein Gesellschafter Andreas mit vollem Recht: Das ist doch schon kein Buch mehr, wenn es gegen die Buecher argumentiert, infolgedessen muesste man es in zwei Formen herausgeben, 1. noch immer als ein Buch und 2. schon in etwas, was einer dialogischen Kommunikationsform naeher kaeme, also in Form einer Diskette – >>>>Floppy-Disc nennen es wohl, glaube ich, die gebildeten Leute. Das Manuskript ist geschrieben worden, um in Buchform veroeffentlicht zu werden, es hat also einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – den Fehler aller Buecher. Das Malheur, warum die Schrift zu Grunde geht, ist doch, weil es einen Anfang, eine Mitte und ein Ende gibt. Es beginnt mit einem Grossbuchstaben und endet mit einem Punkt. Das gilt nicht mehr. Infolgedessen muss man jetzt umdenken. Man muss anders kommunizieren, man darf nicht mehr diskursiv denken. Ich bin aber ein alter Trottel und nicht mehr faehig, dieses Umdenken mitzumachen, hingegen bin ich aber vollkommen erfasst von dem Abenteuer, das mir geschenkt wurde, in meinem Alter noch so eine Revolution des Denkens erleben zu duerfen. »

 

Flusser fuhr fort: « Ich habe mich also entschlossen, den Text unveraendert zu lassen, aber noch ein Menue dazu zu machen, d. h. einen Vorschlag, Anleitung waere falsch, wie der kuenftige Leser, Mitreder, Mitschreiber oder wer auch immer das Buch verwenden koennte. Daraufhin habe ich festgestellt, dass ich nicht faehig bin, dieses Menue zusammenzustellen, ich habe es dann Volker aufgelastet ... Das Buch ist Abraham Moles gewidmet, dem Erforscher und Entdecker der Nachschrift, wobei ich unter Nachschrift die Zeit verstehe, in der man nicht mehr schreibt. Also, unter dem Einfluss seines Denkens – es gibt auch noch andere Einfluesse – erlebe ich und erlebt Volker, jeder auf seine Art, eine Art Umsturz. Naemlich: Ich erlebe die Notwendigkeit, aus dem linearen Denken in ein anderes auszubrechen, und wir, insbesondere Volker, ist aktiv an diesem Abenteuer beteiligt, das Buch durch ein neues Medium zu ersetzen. »

 

Anschliessend fordert Flusser mich auf, meinen Senf, er sprach – vielleicht zwei Kilometer von der Grenze zu Oesterreich uns aufhaltend – von Kren, hinzuzufuegen. Ich sagte ungefaehr dies:

 

« Traditionell ist das Buch ja ein Papiermedium. Waehrend der Einsatz elektronischer und optischer Speichermedien insbesondere im Informations- und Dokumentationsbereich weit fortgeschritten ist, wurden meines Wissens bislang keine nennenswerten Versuche unternommen, derartige Medien fuer die Vermittlung komplexer, etwa philosophischer Informationen zu nutzen. Wir, >>>>Andreas Mueller-Pohle und ich, sind an einem Pilotprojekt engagiert. Das elektronische Buch, wenn man es denn so nennen will, soll schon Leseangebot sein, viel mehr aber soll es einen spielerischen, interaktiven Prozess in Gang setzen, der zu neuen, unvorhergesehenen – Vilém Flusser wuerde unwahrscheinlichen sagen – Ergebnissen fuehrt, und zwar auf dem Wege des Dialogs ueber elektronische Medien. Dabei geht es uns nicht zuletzt um die Erprobung spezifischer, d. h. dialogischer Schreib- und Rezeptionsweisen, und auch um einen neuen verlegerischen Ansatz. So geht beispielsweise die konstruktive Leistung, die ein Leser anhand eines Textes vollbringen mag, indem er ihn etwa weiterschreibt oder umschreibt oder neu kombiniert, nicht mehr fuer ein groesseres Publikum und den Autor verloren. Es entsteht ein neuer Text, mit dem Autor und Verlag konfrontiert werden. Das verlegerische Konzept laeuft also nicht mehr nur darauf hinaus, etwas herauszubringen, sondern eben auch, etwas hereinzunehmen. »

 

Damals hatten wir die Absicht, Flussers widerspruchsvolles Unterfangen, das Schreiben schriftlich in Frage zu stellen, in drei Formen zu publizieren. Einmal als konventionelles Druckwerk. Zweitens dann auf Diskette und drittens online per 'Mailbox'. Die elektronische Umsetzung der Schrift sahen wir mit bestimmten Anforderungen verbunden, denn kein halbwegs vernuenftiger Mensch wird sich vor den Bildschirm setzen und zig Buchseiten lesen, sondern er wird zum inhaltlich identischen Buch greifen. Mit Hilfe der Diskettenvariante sollte es moeglich sein, auf den Text von unterschiedlichen begrifflichen Ebenen aus zuzugreifen, verschiedene Textstellen parallel zu lesen, vorgenommene Korrekturen und Ergaenzungen in einer Datei abzulegen und womoeglich auszutauschen, Marginalien anzubringen usw. In der 'Mailbox' sahen wir die Moeglichkeit zum kollektiven Gespraech angelegt. Vilém Flusser, Andreas Mueller-Pohle und ich stellten uns Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Experiment mit einer zunaechst begrenzten Zahl von Teilnehmern vor, den Autor mit der Geschichte seines Textes zu konfrontieren, wie sein Text weitergedacht und/oder umgedacht wird. Wir hatten vor weit mehr als 20 Jahren eine Ahnung von dem, was heute Schriftsteller wie >>>>Alban Nikolai Herbst praktizieren. Wir waren uns damals sicher, dass die Geste des Schreibens und damit das Denken einer Veraenderung unterliegt, wenn elektronisch publiziert werden soll. Um welche Veraenderungen es sich konkret handelt, das wollten wir u. a. herausfinden. Letztlich war Vilém Flussers Engagement, das von Mueller-Pohle und mir, wohl auch das von Abraham Moles, darin zu sehen, die kulturrevolutionaeren Chancen und auch Risiken der Konvergenz von Technik und Wissenschaft, Kunst und Philosophie einschaetzen zu koennen. Es erschien uns unrealistisch, an eine computerfreie Zukunft der Literatur zu glauben.